23 08 2010

Sportliche Erziehung, sportliche Bildung

Erziehung und Bildung sind keine Zustände, sondern dynamische und lebenslange Prozesse.

 Als Erziehung werden diejenigen Maßnahmen und Prozesse bezeichnet, die den Menschen befähigen, seine Kräfte und Möglichkeiten zu entfalten und mit Hilfe derer er selbstständig und mündig werden kann. Erziehung passiert sowohl beabsichtigt, geplant, direkt als auch unbeabsichtigt, ungeplant und indirekt. Sie kann von einzelnen Menschen oder Institutionen (im Beispiel des Sports: Schulen,Vereine, Gesundheitszentren) ausgehen. Die Strukturen des Sports, die Ziele und das Selbstverständnis sowie die Tradition von Organisationen und Institutionen beeinflussen Art und Ziele der Erziehung, die in ihnen stattfindet.

Als Bildung wird die Selbsterziehung, Selbstgestaltung und die Weltaneignung verstanden. Hierbei geht es nach Wilhelm von Humboldt (1767-1835) nicht um Stofffülle und bloßes Wissen, sondern um die Entfaltung der Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen zu einem harmonischen Ganzen.

Sportliche Bildung zielt zwar immer auch auf die körperliche Ausbildung, aber über sie hinaus auf die personale Verarbeitung von Erfahrungen in sportlichen Handlungs- und Sinnzusammenhängen mit dem Ziel der Selbstgestaltung und Weltaneignung. Sie beinhaltet die kritische Auseinandersetzung mit dem Sport und nimmt damit auch den ursprünglich emanzipatorischen Gedanken von Bildung auf. Hierzu gehört auch das Lernen. Lernen ist als Aufgabe zu verstehen, die sich dem Einzelnen stellt oder die ihm gestellt wird. Es bezeichnet eine dauerhafte und relativ stabile Änderung der Verhaltensmöglichkeiten, des Wissens und Könnens, der Einstellungen und Gewohnheiten aufgrund von Erlebnissen und Erfahrungen oder auch durch Einsicht. Lernen ist ein aktiver Prozess, der von genetisch weitgehend festgelegten Vorgängen wie Reifung oder Altern zu unterscheiden ist. Lernen ist eng mit Erfahrungen verbunden; es stützt sich auf Erfahrungen, und zugleich macht man im Lernen Erfahrungen. Die Kategorie der Erfahrung, also die des unmittelbaren Wahrnehmens und Erlebens des eigenen Körpers, der eigenen Bewegung und der eigenen Fähigkeiten beim Laufen, Schwimmen, Radfahren, die sozialen Erfahrungen im Umgang mit anderen bei Spiel und Sport, im Wettkampf oder der Freizeitgruppe, die Erfahrungen und Erlebnismöglichkeiten in und mit der Natur in Natursportarten spielt deshalb beim Lernen im Sport eine besonders wichtige Rolle. Erfahrungen im Sport sind besonders wirksam, da sie unmittelbare Erfahrungen, „Erfahrungen aus erster Hand“ sind. Es lassen sich in diesem Zusammenhang vier Typen Erfahrungen unterscheiden:

  • Erfahrungen des eigenen Körpers (leibliche Erfahrungen); d.h. Erfahrungen beim Sporttreiben, die sich auf körperliche Vorgänge beziehen, auf die Störbarkeit und Anfälligkeit des Körpers, auf seine Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit, auf ein „Gefühl“ für den eigenen Körper, wann er ermüdet und angestrengt oder entspannt und erholt ist, etc..
  • Erfahrungen der Dinge, der Umwelt und der Natur (materiale Erfahrungen), also der Gegenstände, der Turn- und Sportgeräte, des Wassers, des Schnees, der Wärme und Kälte, der Beschaffenheit von Bällen, Reifen, Ringen, des Fahrrads, etc.
  • Soziale Erfahrungen, d.h. Erfahrungen von Gemeinschaft, Solidarität und Fairness, von Wettkampf und Auseinandersetzungen mit anderen, spielerische Erfahrungen von Sieg und Niederlage, von Ordnung und Unordnung, von Spannung und Aufregung usw.
  • Selbsterfahrungen (personale Erfahrungen), d.h. Erfahrungen, die über die körperliche, soziale und materiale Bedeutung hinaus zugleich Erfahrungen unserer selbst als Person sind; Erfahrungen des Könnens und Nicht- Könnens, der Selbstständigkeit und der Abhängigkeit.

Diese „primären“, am eigenen Leib gespürten Erfahrungen sind angesichts der Überfrachtung bzw. Überbürdung mit Erfahrungen „aus zweiter Hand“, also medial vermittelte Erfahrungen, vorwiegend über das Fernsehen und den Computer, unverzichtbar für eine harmonische Gesamtentwicklung. Ohne diese „primären Erfahrungen“ fehlt die Grundlage für sicheres Wissen.

Quelle: Ommo Gruppe/Michael Krüger, Einführung in die Sportpädagogik.

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